Mittwoch, 4. Februar 2009

Multiplikation

In der Grundschule fiel mir die Multiplikation schwer. Damals konnte ich nicht beschreiben, was mir daran so komisch vorkam. Anstatt 3 x 7 zu rechnen, versuchte ich es mit 7 + 7 + 7, was mehr Zeit in Anspruch nahm. Erst viel später, Sekundarstufe II, habe ich im Geschichtsunterricht verstanden, warum mir die Multiplikation seltsam vorkam. Rousseau und den allgemeinen Willen verdeutlichte mein (excellenter) Lehrer mit der Multiplikation: 1 x 1 x 1 x 1 x ... x 1 Wille des Einzelnen, ergibt doch immer nur einen Volonté générale. Heute berufen sich die Meisten von uns nicht mehr auf Rousseau, trotz seiner Fehlbarkeit ist der Wille Aller (von meinem Lehrer mit der Addition verglichen) uns (und auch mir) wichtiger als der (nach Rousseau) unfehlbare allgemeine Wille. Dieser Grundsatz wurde mir von einem Satz im Feuilleton der ZEIT (22.01.2009) wieder in Erinnerung gerufen. Christiane Grefe schreibt dort: Beim Musizieren gebe es keine Zauberei, sagte »Celi«, es gebe nur Arbeit. Diese Arbeit bedeutet: aus einer Billion Neins das einzige Ja zu entwickeln.
Rousseau hätte mit boolschen Variablen in diesem Zusammenhang keinen Konflikt gefunden. Ob und wie man gerade in der ganz und gar nicht boolschen Kunst aus einer Billion Neins das einzige Ja entwickelt, hat mich an diesem Satz fasziniert.
Das Wesen eines Musikstückes mag sich auf viele Arten entfalten.
Doch nur eines, das einzige Ja ist der Wille, der sich aus den vielen Stimmen der Instrumente unter Hand und Ohr eines Dirigenten entfaltet.
Dieser Zeitungsartikel hat mir eindrucksvoll gezeigt, dass nicht die eine oder die andere Ansichtsweise anmutiger ist - sondern jede ihre Form sucht. Celibidache hat sie, so interpretiere ich Christiane Grefe, gefunden.


Carla Freyhoupt

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